Bin ich ein Zugpferd?



Eine Freundin aus Frankfurt rief an. "Kommst du zur Buchmesse nach Frankfurt?", fragte sie.
"Ja, habe ich vor", antwortete ich wahrheitsgemäß.
"Das ist toll, dann könntest du eine Lesung bei einem Freund von mir halten."
Ich liebe es, Lesungen abzuhalten. Und der Gedanke, zur Buchmesse eine Lesung in Frankfurt halten zu können, war berauschend. Ich äusserte dies und gab ihr die Erlaubnis, meine Telefonnummer an den Freund weiterzugeben.

Kurze Zeit später rief dieser Freund an. Er erzählte mir von seinem Plan, ein Lokal in Frankfurt eröffnen zu wollen, das auch regelmäßig Kulturveranstaltungen anbieten sollte. Allerdings war dies alles noch im Werden. Er fragte, was ich denn so schreiben würde und ich erzählte ihm davon. Könnte dies gutgehen? Ich, eine völlig unbekannte Autorin in einem ebenso völlig neuen Lokal, das noch über keinerlei Stammpublikum verfügte? Mir kamen Zweifel und meinem Gegenüber am Telefon merkte man ebenfalls Unsicherheit an. Ich sprach dies offen an und meinte Erleichterung am anderen Ende zu spüren. Wir kamen zum Schluss, dass es zu früh für ein solches Projekt sei. Vielleicht im nächsten Jahr.

Als ich aufgelegt hatte, überlegte ich, ob richtig gehandelt hatte. Hätte ich um diese Möglichkeit kämpfen müssen? Schließlich sind die Möglichkeiten für eine Autorin, Lesungen zu halten, nicht breit gestreut. Ich müsste mich also um jede Chance bemühen. Andererseits ist da die Angst, letztlich vor leeren Stuhlreihen zu sitzen und einen enttäuschten Veranstalter zu haben. In meinen Träumen sehe ich schon mal die Straßen der Stadt mit Plakaten gepflastert, die zu einer Lesung mit Vera Nentwich einladen. Im gleichen Traum tauchen dann aber auch die Passanten auf, die auf das Plakat schauen und fragen "Vera wer?".

Immer wieder kommen Freunde auf mich zu, die es gut mit mir meinen und nennen mir Buchhandlungen oder irgendwelche Veranstaltungsorte, die auch Lesungen anbieten. "Geh doch da mal hin", sagen sie dann. Jedes Mal zögere ich. Soll ich das wirklich tun? Mache ich mich nicht vielleicht lächerlich, wenn ich als völlig unbekannte Autorin anfrage?
Nicht, dass ich denken würde, ich könnte es nicht gut genug. Nein, da ist eher das Gegenteil der Fall. Das bisherige Publikum hat mir immer sehr positives Feedback gegeben und ich kann auf einige Bühnenerfahrung zurückgreifen. Meine Lesungen machen auf jeden Fall Spaß.

Ich denke aber schon, dass es richtig war, es in Frankfurt nicht erzwingen zu wollen. Mutiger muss ich dennoch werden. Ich denke, dass ich derzeit kein Zugpferd bin, das Publikum in Massen anlockt. Aber wenn ich nicht ins kalte Wasser springe, werde ich es auch nie werden. Ich hoffe, es gibt noch ein paar Gelegenheiten, in denen ich dies ausprobieren kann.
Sollte also jemand darüber nachdenken, mal eine amüsante Lesung veranstalten zu wollen, ich stehe bereit.
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