Vom Frau sein

Vom Frau sein
Freiheit Leben 10 Kommentare

Heute ist Weltfrauentag. Es ist gut und wichtig, immer wieder auf die weltweite Unterdrückung und auf die Gewalt gegen Frauen hinzuweisen. Daher hat dieser Tag eine wertvolle Funktion. Glücklicherweise leben wir in einem Land, in dem Gleichberechtigung und die persönliche Freiheit von Frauen ein hohes Gut sind. Auch wenn es sicher noch Verbesserungsbedarf gibt. Für mich ist dieser Tag ein Anlass, über mein Frau sein nachzudenken.


Gedanken als Quereinsteigerin


Als Frau mit männlichem Migrationshintergrund bin ich anders sozialisiert worden, als es Mädchen und Frauen gemeinhin werden. Ich weiß nicht, ob mein Vater damals solchen Wert darauf gelegt hätte, dass ich studiere, wenn er gewusst hätte, dass er eine Tochter und keinen Sohn hat. Er hat es leider nie erfahren und so kann ich nur mutmaßen, dass es wahrscheinlich nicht so gewesen wurde. Ich bin aufgewachsen mit dem steten Druck, mich beweisen zu müssen. Auch wenn ich dies als eine Höllenqual empfunden habe, so hat es mich auch stark gemacht. Allerdings musste ich dann im späteren Leben als Frau lernen, nicht jeden Mann als Konkurrenten zu sehen, dem ich zeigen musste, wie stark ich bin. Ich glaube, ich habe im Laufe der Jahre diverse Männer ziemlich erschrocken. Also, könnte ich daraus den Schluss ziehen, ich sei keine richtige Frau? Oder führt der Umstand, dass ich keine Kinder bekommen kann und mich auch nie dieser Entscheidung stellen musste, dazu, dass ich keine richtige Frau bin?

Was ist eine richtige Frau?


Diese Frage hat mich zugegebenerweise lange intensiv beschäftigt. Das Frauenbild ist so vielfältig und extrem geprägt von kulturellen Ansichten. Fragt man einen arabischstämmigen Menschen, was für ihn eine Frau ausmacht, dann dürfte sich das Bild durchaus vom dem unsrigen unterscheiden. Dazu wird uns in den Medien ein sehr klischeebehaftetes Frauenbild präsentiert. Frauen sind »authentisch«, wenn sie schön aussehen wollen, sich von Kränen herabhängen und dabei ein ausdrucksstarkes Gesicht machen, wie in der letzten Folge von »Germanys Next Top-Model«. Oder sie reißen sich zu zehnt um einen Bachelor. Aber wir haben auch eine Kanzlerin. Andere Frauen kämpfen darum, sich ein Kopftuch umbinden zu dürfen, obwohl dies ein Symbol der Unterdrückung der Frau ist. Gibt es die richtige Frau überhaupt?

Vielfalt lässt sich nicht eingrenzen


Es kam der Zeitpunkt, an dem ich erkennen musste, ich werde die Frage, ob ich eine richtige Frau bin, nie beantworten können, denn es gibt die »richtige« Frau überhaupt nicht. Allein der Ausdruck ist bereits eine Wertung, die suggeriert, es gäbe auch falsche Frauen. Und so viel weiß ich: Eine falsche Frau bin ich nicht. Es gibt Frauen in allen Formen und Farben und alle sind sie für sich toll, wie sie sind. Ich bin eben eine, die eine tiefere Stimme hat, perfekt einparken kann und manchmal dazu neigt, den Männern zu zeigen, wo der Hammer hängt.

Die Freiheit, zu sein, wie man mag


Es ist ein großes Glück, in einem Land zu leben, in dem ich und alle anderen Menschen so leben können, wie sie mögen. Bedauerlich ist, dass einige Menschen - und da sind es nach meiner Erfahrung erschreckend oft Frauen - sich Zwängen zu schnell unterordnen. Vielleicht liegt es an der Sozialisation, die bei mir, wie schon gesagt, anders war, dass mir dies so deutlich auffällt. Für mich ist es absolut unverständlich, dass eine Frau freiwillig Kopftuch trägt oder sich gar verhüllt. Für mich ist es ebenso unverständlich, dass eine Frau freiwillig einem Bachelor nachjagt. Aber in einem freien Land darf jeder sein Ding machen. Dies bedeutet auch, dass niemand gezwungen ist, es einem anderen nachzumachen. Und erst recht nicht danach bewertet werden darf, wie sehr sie oder er sich solchen Vorbildern annähert.

Wenn ich eines gelernt habe, dann dass Frau sein nichts ist, was von außen kommt oder etwas, das an irgendwelchen Regeln festgemacht ist. Frau sein ist etwas in jeder Frau. Es ist einfach da. Unverrückbar und unzerstörbar. Ich wünsche allen Frauen dieser Welt, dass sie sich daran erinnern mögen und einfach ihr Ding machen.

Mein Gruß zum Weltfrauentag von Frau zu Frau.

Eure

Vera


Mehr Lesestoff

Diese Artikel könnten dich interessieren

Mach dein Ding!

Mach dein Ding!

Es gibt Menschen, deren Leben nach festen Mustern abläuft. Jede Änderung daran macht ihnen Angst. Sie rezitieren sofort alle Risiken, die in dieser Änderung liegen. Etwas zu tun, das einen reizt, aber...

Zum Artikel

3 Gründe für meinen Dank ans Schicksal

3 Gründe für meinen Dank ans Schicksal

»Die Wege des Schicksals sind unergründlich.« Ich weiß nicht, wer dies ursprünglich gesagt hat, aber es gibt wohl niemanden, der diesen Satz nicht unterschreiben würde. Gerade weil diese Wege in alle ...

Zum Artikel

Offline in Paris

Offline in Paris

Habt ihr es bemerkt? Eine ganze Woche habe ich nicht gebloggt oder gepostet. Na gut, wahrscheinlich ist es niemandem aufgefallen. Ich erzähle trotzdem, warum dies so war. Der Grund ist nämlich, ich wa...

Zum Artikel

Vera in Paris - Teil 2

Vera in Paris - Teil 2

Der nächtliche Blick auf den Eiffelturm in Paris Es ist Saint-Germain-des Prés geworden. Den schmerzenden Füßen zum Trotz hatte ich mich entschlossen, dieses Viertel zu erkunden, das laut Reiseführer ...

Zum Artikel

Vera in Paris

Vera in Paris

Der Eiffelturm in Paris Ach hätte ich doch damals in der Schule nicht Französisch abgewählt, um in den Chor zu gehen. Ich hätte mir ein Trauma erspart – aus dem Chor bin ich nämlich wegen Br...

Zum Artikel
10 Kommentare Vom Frau sein
Hinterlasse deinen Kommentar

  • Von starken Frauen

    Hallo liebe Vera,

    dieser Text berührt mich sehr! Eine so sichere, starke und mutige Frau, wie du eine bist brauchen wir viel mehr, auch in Deutschland. Und zum Thema Einparken: da gibt es eine Studie, die besagt, dass Frauen das doch wohl besser können, als Männer, ob mit oder ohne männlichem Migrationshintergrund.. :)

    Liebe Grüße und noch einen tollen Internationalen Frauentag.

    Liebe Grüße

    Anna

  • Sozialisation

    Sehr gut geschrieben. Meiner Erfahrung nach hängt unser Erleben als Frau vom Umfeld ab, in dem wir aufgewachsen sind. In meiner Familie wurden wir Mädchen nicht anders behandelt als der Sohn, und so haben wir alle studiert und haben uns einen Beruf gesucht. Die Schwierigkeiten fingen dann bei mir (und meiner Schwester) allerdings in eben diesem an, weil ich immer davon ausgegangen bin, dass ich wie mein Bruder, meine Schulfreunde und Studienkollegen bin. Aber im Beruf waren Frauen plötzlich Assistentinnen, Männer die Chefs. Uff, da habe ich geguckt, gestrampelt - und irgendwann das Handtuch geworfen.

    • Sozialisation

      Hallo Kari,

      da hast du recht. Vieles hängt schon von den Erfahrungen in der Kindheit ab. Wobei Mädchen generell eher die Botschaft bekommen, sich lieber zurückzunehmen. Wenn nicht aus dem Elternhaus, dann vom Umfeld. Vieles ist einfach tief verankert.

      Die unterschiedliche Behandlung habe ich nach meinem Wechsel erfahren, als man mich plötzlich für die Sekretärin meines Kollegen hielt.

      Herzlichen Gruß,

      Vera

    • Wichtiges Thema

      Hallo Vera,

      Du hast ein wichtiges Thema angeschnitten. Meine Frau hat auch einen Migrationshintergrund und lebt inzwischen in Deutschland, wo es Frauen insgesamt doch relativ gut geht (natürlich gibt es immer noch Sachen, die nicht in Ordnung sind: Belästigung, Stalking etc.).

      Ich denke, wir werden in den nächsten Jahren aufgrund der Einwanderungssituation verstärkt mit verschiedenen kulturellen Sichtweisen konfrontiert werden. In vielen Kulturen ist es leider so, dass die Frau als Anhängsel oder "Acker" des Mannes gesehen wird und ganz klar eine Stufe unter ihm steht. Das Schlimmste aus meiner Sicht ist, wenn Frauen dann als Kinder so indoktriniert werden, dass sie diese Stellung gar nicht hinterfragen, sondern sie als "göttlich vorgegeben" einschätzen. Da gibt es noch viel zu tun.

      Ich hoffe auf jeden Fall, dass unsere Gesellschaft ihre Ängste und Tabus ablegen wird und sich ganz offensiv mit solchen Themen beschäftigen wird.

      • Wichtiges Thema

        Hallo Michael,

        ja, die meisten Gefängnisse sind in den Köpfen der Menschen. Es sind oft sogar Frauen selbst, die die Einschränkungen und das negative Frauenbild an ihre Kinder weitergeben. Da gibt es noch viel zu tun.

        Bei allem Respekt vor dem Recht zur persönlichen Entscheidung darf man nicht aufhören, ein positives Beispiel für die Freiheit zu geben und jeden zu ermutigen, diesen Weg zu gehen.

        Danke, dass du dieses Anliegen mit mir teilst.

        Herzlichen Gruß,

        Vera

      • Isoliertheit

        Hallo Vera,

        ich bin zwar etwas spät dran mit Kommentieren, da ich eben erst über deinen Artikel gestolpert bin, aber ich möchte trotzdem ein paar Zeilen dalassen, über die ich schon öfters in Bezug aufs Frausein nachgedacht habe.

        Du schreibst, dass es keine falsche Frau gebe, was ich zunächst abnickte, mich dann jedoch stutzen ließ. Ich denke, in Bezug auf sich selbst gibt es niemals ein "Falsch" oder "Richtig", sondern immer nur das "Sein"/Ich.

        Allerdings ist die Identität eines Menschen niemals isoliert, sondern beruht auch auf Fremdwahrnehmung. Vor einigen Monaten las ich über das "Uncanny Valley". Das besagt, dass wenn etwas dem Original zu ähnlich wird, verliert es an Glaubwürdigkeit.

        So würde ich sagen, dass es sehr wohl Frauen gibt, die nicht als Frauen, sondern als falsch wahrgenommen werden. Es sind die kleinen Details, die uns misstrauisch werden lassen: eine verstellte, schrille Stimme, eine einstudiert wirkende Geste. Etwas zu sehr Rolle, zu wenig Mensch.

        Wenn jemand unzweifelhaft weiblich aussieht, unterstellen wir wohlwollend, dass derjenige eine Frau ist. Wenn jemand nicht 100% weiblich aussieht und oben genannte Merkmale aufweist, dann erkennen wir eher das mit einem männlichen Körper Individuum, das verzweifelt versucht, der Rolle als Klischeefrau hinterherzujagen, anstatt "einfach" eine von vielen Variationen von Frau zu sein.

        Da du in anderen Artikeln öfter das Thema "Authentizität" angesprochen hattest, denke ich, dass sich das auch gut auf das Frausein übertragen lässt, wenn man das Frausein nicht nur auf die angeborenen Geschlechtsteile reduziert.

        • Isoliertheit

          Hallo Anna,

          veieln Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich immer über Meinungen, egal, wann sie kommen.

          Einem Satz von dir muss ich allerdings widersprechen. Du schreibst "Allerdings ist die Identität eines Menschen niemals isoliert, sondern beruht auch auf Fremdwahrnehmung.". Genau das stimmt nicht. Die Identität ist in einem fest verankert, Wenn sie allerdings nicht mit der Fremdwahrnehmung übereinstimmt, führt dies zu Konflikt, innerlich oder äußerlich. Aber in deinem Fazit stimme ich dir voll und ganz zu.

          Herzlichen Gruß,

          Vera

          • In einem selbst

            Liebe Vera,

            ich weiß nicht, ob die Identität vollständig in einem selbst verankert sind. Es mögen Aspekte vorhanden sein, aber niemals vollständig. Als soziales Wesen orientieren wir uns an Mitmenschen, betrachten uns selbst im Kontrast zu ihnen. Besonders wenn wir einer Gruppe zugehören wollen, versuchen wir, den Anforderungen zu entsprechen. Manchmal hat man es leicht, manchmal schwerer.

            Was bringt es mir, mich für den größten Autor aller Zeiten zu halten, wenn das niemand außer mir so sieht?

            Weiterhin bin ich davon überzeugt, dass es Menschen wichtig ist, dass die Wunschidentität sich mit der Fremdwahrnehmung deckt. Auch die Eigenwahrnehmung ist durch Erfahrung geprägt. Ich kenne keine Transfrau, die ihre Halbglatze spazieren trägt, sondern sich lieber eine hübsche Perrücke aufsetzt, die den Anforderungen der Gesellschaft entspricht – weil sie selbst auch durch das Schönheitsideal der Gesellschaft geprägt ist. Die Vorstellung, die Haare einer Frau auszusehen haben, sind nicht angeboren.

            Die Identität als "normale" Frau entspricht also dem, was in der Gesellschaft gerade in Mode ist. In der alternativen Szene kleiden sich Leute ganz anders, um ihrer (Selbst-)Identität Ausdruck zu verleihen.

            Zumindest die Ränder der Identität sind fließend und damit relativ. Oder kannst du sagen: Meine Identität als Frau geht genau bis hierhin? Wärst du allein in der Wildnis aufgewachsen, würdest du deinen Körper überhaupt als unweiblich empfinden? Eine Vorstellung von Frau und Frausein haben?

            Viele Grüße

            Anna

            • In einem selbst

              Man muss wohl unterscheiden, zwischen dem, was man ist und zu welcher Einordnung dies in der Gesellschaft führt. In einer Gesellschaft, in der es keine Frauen gibt, wird man sich wahrscheinlicher einer anderen Gruppe zuordnen, zu der man sich passend fühlt.

              Letztlich liegt es ja in der Natur des Menschen, sich irgendwo zugehörig zu fühlen.

              Herzlichen Gruß,

              Vera