Erklär’ mir nichts

Erklär’ mir nichts
Schreiben Lesung 0 Kommentare

Vor ein paar Tagen saß ich mit einigen Autoren und Autorinnen zusammen, die an ihren Erstlingswerken arbeiteten. Wir stellten uns gegenseitig unsere Projekte vor und gaben uns Feedback. Unter anderem lasen wir uns Ausschnitte aus unseren Werken vor. Dabei ist mir aufgefallen, dass alle dazu neigten, vor dem Lesen erst einmal zu längeren Erklärungen anzusetzen.

Da wurden jede Menge Personen genannt, deren Namen ich schon nach Sekunden durcheinanderbrachte. Da wurden Vorgeschichten aufgebaut, die anscheinend unabdingbar für das Verständnis waren. Doch niemals stieg dadurch meine Vorfreude auf das Vorgetragene. Eher fand ich es immer schwieriger, mich einfach auf den Text zu freuen.

Warum meint man, etwas vorab erklären zu müssen?

Wir hatten einige Diskussionen über diese Voraberklärungen. Ich forderte die Vortragenden auf, keine Erklärungen vorauszuschicken, doch dann hatten sie Angst, man würde das Gelesene nicht verstehen. Ein Gedanke, den ich verstörend finde. Was sagt dies über die Geschichte aus, wenn man sie nur mit vorherigen Erläuterungen verstehen kann?

Erklärungen sind Mist

Wir machten zusätzlich die Erfahrung, dass die gutgemeinten Erklärungen gar nicht für Verständnis sorgten, sondern viel mehr verwirrend waren. Niemand von den Zuhörern konnte auf die Schnelle genau nachvollziehen, was da genau erläutert wurde. Man hatte als Zuhörerin zudem keine Chance, wirklich in die Welt einzutauchen, in die Autor oder Autorin wie selbstverständlich zuhause waren.

Erklärungen sind Warnzeichen

Wenn du das Gefühl hast, du müsstest Lesern oder Zuhörern vorab etwas erklären, damit sie deiner Geschichte folgen können, dann stimmt etwas nicht mit deiner Geschichte. Bei dem besagten Zusammentreffen haben wir die Erfahrung gemacht, dass man entweder die Erklärung getrost weglassen konnte und es der Geschichte eher guttat, oder man danach wusste, dass der Text einfach nicht gut war.

Es ist die Geschichte, die wirken muss

Wenn ich ein Buch aufschlage, dann erwarte ich, dass mich die Geschichte in den Bann zieht. Ich will unterhalten, vielleicht in neue Welten gezogen werden oder neue Einsichten gewinnen. Ich möchte nicht belehrt oder mit Gewalt irgendwo hingeschubst werden. Die Geschichte muss so sein, dass sie mich ganz alleine mitnimmt in ihre Welt. Doch dazu bedarf es einer Bereitschaft, einer inneren Offenheit, mich auf das Kommende einzulassen. Voraberklärungen belasten diese Bereitschaft.
Bei Lesungen ist es absolut tödlich, wenn man vorab erst einmal erklären muss, was da kommt. Aber auch für mich als Leserin stellen sie eine große Eingangshürde dar. Deshalb kann ich dir nur raten:

Schreibe deine Geschichte so, dass sie ohne Erklärungen auskommt.

Prämisse oder Pitch helfen


An anderer Stelle habe ich ja bereits ausgeführt, dass ich mich an der Prämisse nach James N. Frey orientiere. Andere nennen es Pitch. Ganz egal, wie es heißt, es hilft, die Geschichte immer wieder zu hinterfragen und zu sehen, was zu sehr vom Kern ablenkt und daher eliminiert werden sollte. Eine Geschichte, die sich daran orientiert, benötigt keine ausschweifenden Erklärungen. Sie wirkt für sich.

Jetzt auch zum Hören!

Alle Themen aus meinem Blog und noch viel mehr gibt es ab sofort auch auf die Ohren im neuen Podcast "Die Zwei von der Talkstelle". Gemeinsam mit Tamara Leonhard gibt es alles rund um das Schreiben, Lesen, Leben und was uns sonst noch so einfällt.

Jetzt reinhören!

Die Zwei von der Talkstelle - Vom Schreiben, Lesen, Leben und was uns sonst noch so einfällt

Mehr Lesestoff

Diese Artikel könnten dich interessieren

Das neue Buch will gefeiert werden

Das neue Buch will gefeiert werden

Es ist wieder so weit. Mein neues Buch steht in den Startlöchern. Es ist das neue Abenteuer meiner Detektivin Sabine ‚Biene‘ Hagen aus Grefrath am Niederrhein. Ab 23. Juli wird es überall erhältlich s...

Zum Artikel

Wie finde ich den richtigen Buchtitel?

Wie finde ich den richtigen Buchtitel?

Es sollte ein schöner Moment sein. Der neue Krimi ist im Lektorat. Die Veröffentlichung kommt näher. Doch es gibt etwas, das mir die Freude gründlich verhagelt. Ich muss den passenden Titel für mein n...

Zum Artikel

Das erste Buch, was nun?

Das erste Buch, was nun?

Jahrelang hat man diesen Traum in sich getragen. Dann kam der Moment, an dem man begann, ihn in die Tat umzusetzen, und dann ist es da, das erste Buch. Ich habe keine Kinder, aber ich kann mir vorstel...

Zum Artikel

DZVDT 03 - Selbstzweifel beim Schreiben

DZVDT 03 - Selbstzweifel beim Schreiben

Woran liegt es, dass Autoren immer wieder an der eigenen Geschichte zweifeln und wie geht man damit um? Vera und Tamara sprechen über ihre unterschiedlichen Phasen der Selbstzweifel und den Schreibpro...

Zum Artikel

Ist ein Pseudonym sinnvoll?

Ist ein Pseudonym sinnvoll?

Ein Buch ist ein Gesamtkunstwerk. Bei vielen Autorinnen und Autoren besteht daher der Wunsch, den eigenen Namen passend zu machen und sich ein Pseudonym zuzulegen. Verschiedene Stimmen behaupten sogar...

Zum Artikel
0 Kommentare Erklär’ mir nichts
Hinterlasse deinen Kommentar

Keine Geschichte verpassen
Gleich eintragen und ich informiere dich bevorzugt über neue Geschichten und Angebote.