Sonntagsstückchen Nr. 6

Sonntagsstückchen Nr. 6
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Das sechste Sonntagsstückchen steht bereit. In den letzten sechs Wochen habe ich jeden Sonntag den Beginn meines aktuellen Projekts mit dem Arbeitstitel "Amanda und die Unmöglichkeit von Liebe" hier Stück für Stück offenbart. Dieses Stückchen nun ist etwas Besonderes. Was damit gemeint ist, offenbare ich am Ende. Also erst einmal viel Spaß mit Stückchen Nr. 6.


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III

Der Sohn des Hauses stand vor der Tür und lächelte mich an. In seinem auf Maß gearbeiteten Anzug sah er erschreckend gut aus. Er setzte ein Lächeln auf, dass seine Augen noch mehr zum Leuchten brachte und ich konnte mich nicht davon lösen. Es war, als ob mich ein geheimnisvoller Energiestrahl in seinen Bann gezogen hätte. Sascha hielt mir seinen Arm hin. Ich hakte mich wie ferngelenkt ein und schritt neben ihm, ohne das Gefühl zu haben, irgendetwas aktiv dafür zu tun.
»Die ganze Familie ist bereits sehr gespannt und freut sich, dass Sie sich bereit erklärt haben, der Hochzeit meiner Schwester zu beehren.«
Ich sah zu ihm, während wir weiter den Flur entlang schritten. Mein Gehirn übernahm langsam wieder die Initiative und formte eigene Gedanken. Ich stoppte und mein Begleiter sah mich irritiert an. »Haben Sie etwas vergessen?«
»Was haben Sie gerade gesagt?«, purzelte aus mir heraus.
»Ich meinte, ob Sie etwas vergessen haben.«
»Nein, nicht das. Davor.«
»Das sich alle freuen, dass Sie hier sind?«
Ich schüttelte den Kopf und löste mich von seinem Arm. »Nein, sie sagten, sie freuten sich, das ich mich bereit erklärt hätte.«
Er nickte. »Ja, ist doch das Gleiche.«
»Oh, nein.« Ich hob beschwörend die Hände. »Das ist ganz und gar nicht das Gleiche. Ich bin zwar hier, aber ich habe mich mitnichten nicht dazu bereit erklärt.«
»Wie meinen Sie das?«
»Jetzt stellen Sie sich nicht so dumm. Sie wissen genau, was ich meine.«
»Ach das. Lösen Sie sich doch von den Umständen. Es wird Ihnen hier gefallen« Er verzog die Mundwinkel zu einem entschuldigenden Lächeln, was an ihm sehr überzeugend wirkte. Ich musste kurz die Augen schließen und den Kopf schütteln, um meine Gedanken auf das Wesentliche zu fokussieren.
»Ich soll die Umstände vergessen, meinen Sie? Haben Sie sie noch alle? Sie und dieser Profikiller Dimitrij haben mich entführt!« Ich verschränkte die Arme vor die Brust. Ich wollte sehen, was er dazu sagen würde.
»Es mag ja auf Sie so gewirkt haben…« Ich blitzte ihn an.
»Haben Sie sie noch alle? Ich saß da unten beim Weinkeller in einem Verlies. Gefesselt an einem Stuhl und Dimitrij drohte mir mit einem riesigen Messer.«
Nun schüttelte er den Kopf. »Ich kann Ihnen versichern, Mitja würde keiner Fliege was zu leide tun. Er ist schon seit Ewigkeiten unser Fahrer und Mädchen für alles.«
»Pah, Mädchen für alles. Das kann ich mir vorstellen. Ich weiß genau, was ihre Familie so tut.«
Nun war es an Sascha, böse zu gucken. »Ach ja, woher wollen Sie das denn wissen?«
»Ich lese Zeitungen.«
Er machte eine abfällige Handbewegung. »Sie sollten nicht alles glauben, was in der Zeitung steht.«
»Jetzt kommen Sie mir nicht mit Lügenpresse. Das mag in Ihrem Land so sein. Bei uns gibt es noch seriöse Presse.«
Mittlerweile war mir Plan B egal. Ich wurde gegen meinen Willen festgehalten und das verlangte nach Protest und zivilem Ungehorsam. Ich richtete mich so hoch auf, wie es nur ging, und sandte meinem Gegenüber den vernichtensten Blick, den ich zustande bekommen konnte. Es schien zu wirken. Er lächelte sanft. »Frau Madison, die Umstände Ihres Erscheinens tun mir sehr leid. Aber es liegt an Ihnen, es sich angenehm zu gestalten. Glauben Sie mir, es freuen sich wirklich alle sehr, dass Sie hier sind. Genießen Sie doch einfach den Aufenthalt.«
»Sie können mich mal!« Ich drehte mich um und schritt erhobenen Hauptes zurück in mein Zimmer. »Sie können wieder abschließen«, forderte ich ihn auf und schlug die Tür vor ihm zu. Er öffnete sie wieder und lugte herein. »Frau Madison, bitte überlegen Sie es sich noch einmal.«
Ich drehte mich um und trat gegen die Tür. Fast wäre sein Kopf eingeklemmt worden, aber er konnte ihn noch schnell zurückziehen. »Wenn Sie so wollen«, hörte ich noch und dann drehte sich der Schlüssel im Schloss.

Ich stand in meinem Zimmer und atmete heftig. Im Spiegel erblickte ich mich in dem Kleid und mit den hochgesteckten Haaren. Ich schleuderte die Handtasche und die Schuhe gegen die Wand. Hastig riss ich mir die Klammern aus dem Haar und ließ es herunterfallen. Dann zog ich mir das Kleid über den Kopf, so dass es ein Geräusch von reißenden Nähten gab und schmiss es zu den Schuhen. Plan B war grandios gescheitert. Wahrscheinlich war mein Leben gescheitert. Einfach alles. Ich ließ mich auf das Bett fallen und schluchzte so heftig, wie ich nur konnte.

Es war dunkel, als ich die Augen wieder öffnete. Ich rieb die Tränenreste aus den Augenwinkeln und drehte mich auf den Rücken. Ich starrte auf die Decke und beobachtete, wie sich das schwache Mondlicht im Kristall des Kronleuchters spiegelte. Ein lautes Knurren erinnerte mich daran, dass ich seit Ewigkeiten nicht gegessen hatte. »Mist«, schimpfte ich. »Du hättest doch zum Abendessen gehen sollen.« Aber dann wurde mir bewusst, dass ich über kurz oder lang sowieso von Dimitrij um die Ecke gebracht würde. Warum sollte ich dann noch essen? Vielleicht wäre ich ja dann wenigstens im Tod mal schlank. Bilder kamen mir in den Sinn, wie meine Eltern an meinem Sarg stünden und meine Mutter meinen Vater anstupsen würde. » Bernd«, würde sie sagen. »Sieh mal, sie hat endlich abgenommen.« Mein Vater würde sich dann kurz zu meiner Leiche drehen und erwidern: »Aber ein paar Kilo hätte sie noch schaffen können.«
Dumm nur, dass der Hunger mich daran hinderte, einfach einzuschlafen und den Dingen seinen Lauf zu lassen. Ich erhob mich vom Bett und schaltete das Licht an. Eine Kommode schmückte die Seite, an der auch der begehbare Kleiderschrank war. Ich öffnete die verschiedenen Schubladen und Türen in der Hoffnung, irgendetwas Interessantes zu entdecken. Aber es war alles einfach nur leer. Auch sonst war nichts zu entdecken, was mir mein tristes Ende hätte aufpeppen können. Ich durchwühlte die Utensilien im Bad. Es war alles da, um sich umfassend zu reinigen und zu stylen. Wäre ich MacGyver hätte ich womöglich aus all dem Krempel ein geschicktes Fluchtwerkzeug basteln können. Aber Amanda Schneider war auch dazu nicht fähig. Frustriert ließ ich wieder auf das Bett fallen, um gleich darauf festzustellen, dass ich noch meine Unterwäsche trug und das Bett nicht einmal ordentlich aufgedeckt hatte. Ich stand wieder auf und ging in den Kleiderschrank. Tatsächlich fand ich auch eine Auswahl an Nachthemden und ebenso eine ganze Sammlung himmlischer Dessous. Wow, die teuersten Marken waren vorhanden und ich musste mich kurz schütteln und in Erinnerung rufen, dass ich eine Gefangene war. Ich schmiss alles zurück, griff das unscheinbarste Nachthemd, das ich finden konnte, und stapfte ins Bad.

Es klingelte. Immer wieder. Ich versuchte, das Geräusch einzuordnen, aber es klang überhaupt nicht wie mein Wecker oder sonst irgendetwas, das mir bekannt vorkam. Ich musste die Augen öffnen, um die Quelle dieses nervigen Geräuschs näher zu sondieren. Das hätte ich nicht tun sollen. Mit einem Schlag fiel mir wieder ein, wo ich war und unter welchen Umständen. Dabei hatte ich mich so schön weggeträumt. Nun ergab auch das Klingeln einen Sinn. Das magische Telefon war der Urheber des Geräuschs. Ich überlegte, ob ich den Hörer abheben oder einfach in den vollständigen Streik treten sollte. Allerdings verspürte ich sehr deutlich, dass es meinem Magen nach Essbarem gelüstete. Der Gedanke an ein Frühstück ließ mich automatisch zum Hörer greifen. Es meldete sich wieder die bekannte Männerstimme. »Guten Morgen, Madame. Ich soll Sie davon in Kenntnis setzen, dass der Frühstückstisch bereitsteht und man Sie in dreißig Minuten abholen wird.«
»Hören Sie mal. Sagen Sie Ihrem Chef, er kann mich mal. Bringen Sie mir mein Frühstück gefälligst…« Es machte nur Klack und die Leitung war tot. Ich schmiss den Hörer auf die Gabel. Wenn die dachten, ich würde jetzt einfach bereitstehen und machen, was sie von mir wollten, dann hatten sie sich geschnitten. Wütend zog ich mir die Decke über den Kopf und drehte mich zur Seite. Ich würde schlank sterben. Punkt.

Pseudonyme küsst man nicht

Das Buch zum Sonntagsstückchen

Du glaubst nicht an die Liebe? Dann rechne mit Überraschungen!
»Rote Rosen für den Lord« »Ein Schloss für Violetta« – so heißen die Liebesromane, die die Autorin Abigail Madison ihrer schmachtenden Fangemeinde präsentiert. Eine begeisterte Leserin will ihre Lieblingsautorin – sozusagen die Expertin für die Liebe – zu ihrer Hochzeit einladen. Doch das geht nicht, denn Abigail Madison gibt es gar nicht.
In Wahrheit produziert die mehr als abgeklärte Amanda Schneider die Schmonzetten unter Pseudonym, denn sie möchte ihre wahre Identität nicht preisgeben. Nur hat Amanda Schneider nicht mit dem Vater der Braut gerechnet, der seiner Tochter keinen Wunsch abschlagen kann. So sieht sich Amanda plötzlich gefesselt in einer Villa einem russischen Bodyguard gegenüber. Die Auseinandersetzungen mit dem verdammt gutaussehenden Bruder der Braut gestalten sich mehr als hitzig, bis sogar die wenig romantisch veranlagte Amanda einsehen muss: Die wahre Liebe gibt es doch.

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